Archiv für Januar 2012

Rückblickend auf die letzten Entwicklungen im Kreis, insbesondere jene Morddrohungen, Einschüchterungen, Überfälle und andere Auswüchse des Faschistenpacks in Ratzeburg und vor allem die öffentlichen Reaktionen auf diese, kann man nur sagen, dass Slime heute wie damals Recht haben – Nicht zuletzt geben Ihnen insbesondere jene Jugendlichen und Erwachsenen Recht, welche in den letzten Tagen in Dessau durch die Straßen liefen und rassistische, dumme Parolen in die Welt hinauskrakeelten, indem sie einen Überfall mit Körperverletzung zum Beweis für „kriminelle Ausländer“ hochstilisierten (NoNazis-Dessau dazu). Dort, wo ein Mensch in einer Polizeistelle von Polizisten angezündet wurde und diese damit davonkommen, gibt es wieder eine Pogrom-Stimmung wie im Jahre 1992.

Doch Fakt ist: Wir müssen nur den Fuss vor die Tür setzen und treten dabei, wenn wir nicht gut aufpassen, fast schon in den braunen Haufen. Es sind nicht nur die Nazis, die diesen „Konsens der Deutschtümelei“ ausleben; dieses Denken zieht überall in der Gesellschaft seine Kreise: Rassismus, ob „guter“ oder „schlechter“, ist für die meisten eine legitime Wahl bei der Beurteilung eines anderen Menschen. Antisemitismus ist ein fester Bestandteil der hiesigen Weltansicht und wird als völlig „normal“ gewertet. Die Vorstellung eines deutschen Überstaates mit der stärksten Wirtschaft, Polizei und Armee und dem europäischen Szepter in der Hand spiegelt sich ständig in den Aussagen vieler Vertreter der Nation wider. Und viele Menschen, die sich als Teil von Deutschland sehen, finden in diesen Zuständen keine Problematik.

Deutschtümelei gibt es überall: Der Sportkommentator, der sich über die überragende Athletik und das besondere Können bei „deutschen Sportlern“ einen runterholt; die Fans, die übereuphorisch fahnenschwingend durch die Innenstadt ziehen und teils verbotene Lieder trällern; der Beamte, der Personen nach Herkunft oder Aussehen beurteilt und dementsprechend behandelt (man führe sich dazu die deutsche Asylpolitik vor Augen); die Bundeswehr, die in Afghanistan deutsche Werte, deutsche Güter und deutsches Recht verteidigt; die Steine und ihre Metzen, die in jedem Kaff „ihrer gefallenen Helden“ nachtrauern. Und ultimativ gibt es da noch die Faschisten, die „Nationalen“, der braune Mob: Sie sehen in allen Andersseienden Gotteslästerer, welche sich von ihrem Glaubenswerk „Deutschland“ lossagen wollen. Und so geht es immer weiter: Deutsche Autors fahren „schneller“, deutsches Essen schmeckt „besser“, deutsches Gesetz ist „gerechter“. Und verdienen tut man sich auch noch dumm und dämlich mit dem schwarz-rot-goldenen Anstrich.

All dieser Gedankendurchfall wird Tag für Tag aufs neue wiederholt, von zukünftigen Generationen reproduziert und daher irgendwann für viele Menschen zum festen Bestandteil ihrer Welt. Dass man dadurch gefährlich schnell wieder auf den Trichter „deutsch = überlegen“ kommen kann, dass es fast keine (selbst)kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff des „Deutschseins“ gibt; das bemerkt kaum jemand und wer stört sich schon daran?

Es gibt sie, diese Anderen, wesentlich wenigere, welche sich nicht auf diese Art des Denkens beschränken wollen und laut und deutlich „NEIN!“ zu Deutschland sagen. Es ist die Verneinung des „Sich-damit-abfinden“, dass wir aufgrund „unserer Natur“ aufeinander losgehen und immer das Fremde, Ungewollte an den „Anderen“ finden. Es ist die Verneinung der „deutschen Herkunft“ und all seiner „Eigenheiten“, welche diese austauschbare Erfindung nach sich zieht und vielen die kritische Selbsterkenntnis erspart. Und es ist die Verneinung des „Zufriedenseins“ in solchen Zuständen, wo wir uns für Nation, Staat und System kaputt schuften, welche den meisten gegenüber ungerechter und verlogener kaum sein könnten.

Es ist aber auf der anderen Seite auch ein geradezu wütendes „JA!“, welches viel mehr beinhaltet als das fast schon gequälte „Ja“ vieler Bürger_Innen zum Lichterketten-Antifaschismus und anderer deutscher Befreiungs-Heucheleien; wir bejahen ein Leben frei von Vorurteilen und völkischen Zwängen, egal wo sie vorkommen und wie wir sie erleben; wir bejahen den aktiven, radikalen Widerstand gegen jene „treue Kräfte“ der Nation, die uns und vielen Anderen das Recht auf Selbstbestimmung, Freiheit und Unabhängigkeit verwehren wollen, indem sie uns drohen, einsperren, misshandeln oder sogar totschlagen. Wir bekräftigen mit diesem „Ja“ auch immer wieder unsere Bereitschaft zur Solidarität mit Menschen, die uns vielleicht völlig unbekannt sind.

Außerde gibt es niemals einen Grund, sich auf veraltete Pseudowissenschaften von teils völlig Wahnsinnigen zu stützen, nur um sich diese Welt schneller und einfacher erklären zu können. Deswegen sagen wir auch „Ja“ zum selber denken: Frei von Grenzen und Konflikten, die alles nach Wertigkeit und Moral aufteilen; frei von Rassismus und „Volkszugehörigkeit“, von „Schwarz-rot-geil!“ und anderen peinlichen Liebeserklärungen an ein imaginäres Konstrukt; frei von „Anstand und Würde“ des guten Bürgers, welcher nur an parlamentarische Demokratie, die Polizei, das Kapital, seinen Gott und seine Fahne glaubt.

Die Zustände werden sich nicht ändern, wenn wir nur sagen, was wir wollen oder gar brauchen, um zufrieden mit uns und der Welt zu sein. Wir rufen euch dazu auf, sich an den Protesten zu beteiligen und sich mit diesem „Normalzustand“ niemals wieder zufriedenzugeben. Es geht dabei um weit mehr als die Moral unserer Gesellschaft oder was wir für „richtig“ oder „falsch“ erachten: Ein Rechtsruck bedeutet immer auch ein weiterer Schritt zur Militarisierung der Bevölkerung, zur Einschränkung der Meinungs- und Bewegungsfreiheit und zur Stärkung der gesellschaftlichen Kriegsbereitschaft.

Wozu das geführt hat, wissen wir alle nur zu gut. Jedoch hat „Deutschland“ es wohl nie geschafft, aus Morden an Millionen und dem kompletten Lossagen von Menschlichkeit mehr zu lernen, als wie man sich dem Fanatismus komplett hingibt.

Wir aber schon. Und deshalb sind wir nicht Deutschland.

Was sich in Deutschland abspielt, ist unerträglich. Dreizehn Jahre lang konnten drei Thüringer Nazis ungestört durch die Republik reisen, Banken überfallen, Sprengstoff-Attentate verüben und Menschen ermorden. Ihre Opfer waren Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat und die Polizistin Michèle Kiesewetter.

Die Morde der Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) wurden nur durch einen Zufallsfund nach dem Tod der beiden Nazis Böhnhardt und Mundlos im November 2011 aufgedeckt. Seitdem erfährt die Öffentlichkeit stückchenweise grauenhafte Details über die gezielte Hinrichtung von Migranten in ihren Geschäften, eine Nagelbombe in Köln-Mülheim und andere Anschläge eines Netzwerkes, von dem bisher nicht einmal abzusehen ist, wer ihm außer Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt noch angehört. Das ganze Ausmaß des Terrors ist noch nicht ersichtlich – möglicherweise steckt die Gruppe auch hinter einer Serie von Brandanschlägen in Völklingen und einem antisemitischen Bombenanschlag in Düsseldorf-Wehrhahn.

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